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Die Riesen von Ridnaun
In Ridnaun lebte zur Jahrhundertwende eine leibhaftige Riesen.
Ihr Name war Maria Faßnauer von "staudner". Dieser
höchstgelegene Bauernhof steht am Talschluß in über 1500 m
Meereshöhe.
Geboren wurde die "Mariedl", hierzulande
"Moidl" genannt, im fernen Jahre 1879. Zunächst
deutete nichts auf ihr ungewöhnliches Schicksal und ihre
spätere "Karriere" als Riesen hin. Doch mit etwa drei
Jahren setzte plötzlich die unheimliche Größenentwicklung ein.
Die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Eltern waren kaum
imstande, den Hunger ihrer aufstrebenden Tochter zu stillen. Noch
dazu füllte sich die Stube im Laufe der Jahre mit fünf weiteren
Kindern. Diese traten hinsichtlich des Wachstums gottlob in die
Fußstapfen ihrer Eltern, die von gewöhnlicher Statur waren.
Als elfjähriges Schulmädchen machte die Moidl erstmals
Schlagzeilen in den Hiesigen Zeitungen, sie hatte nämlich die
Durchschnittshöhe der Rekruten bereits überschritten. Auch in
den entfernten Großstädten begann man sich für das
Riesenmädchen zu interessieren. Es waren die Unternehmer des
Schaustellergewerbes, die danach trachteten, dieses einmalige
Tiroler Kind als Attraktion für Ihre Buden in den Dienst zu
nehmen.
Damit schien der weitere Lebensweg der jungen Riesen klar
vorgezeichnet zu sein. Doch der Moidl lag schon gar nichts daran,
sich in aller Welt begaffen zu lassen. Nur des schnöden Mammons
wegen wollte sie ihrem geliebten Heimatort nicht den Rücken
kehren. Auch die Eltern, die ein paar zusätzliche Gulden wohl
bitter notwendig gehabt hätten, waren fest entschlossen, ihre
Tochter gegen alle Angebote zu behalten.
So blieb sie weiterhin daheim auf dem elterlichen Hof, besuchte
noch für einige Zeit die Volksschule, half daneben eifrig ihrem
Vater auf dem Feld sowie im Stall bei der Versorgung des Viehs -
und noch eines tat sie: Sie wuchs unverdrossen weiter. Bald
erreichte sie die magische Marke von zwei Metern, und das
dämonische Wachstum wollte immer noch kein Ende nehmen. Mit
ihrem fünfzehnten Lebensjahr trat dann überraschenderweise der
Stillstand ein. Man frage nun aber nicht, welches ihre
tatsächliche "Rekord"-Höhe war, denn die Angaben
darüber Schwanken zwischen 2,07 und 2,17 Metern. Auf alle Fälle
gehörte sie dem auserlesenen Club der Riesen an.
Als Riesen lebte sichs natürlich nicht sehr leicht. Wer
ist schon gerne auf Schritt und Tritt ein Objekt der Schaulust
oder gar der Belustigung. Für die Talbewohner war es immer
wieder ein Ereignis, wenn sie der Riesen begegneten, die nur
ungern ihn abgelegenes Zuhaus verließ. Zum Kirchenbesuch blieb
ihr jedoch nichts anderes übrig, als den Weg ins Tal hinab
anzutreten. Bei diesen Gelegenheiten wurden auch die im Ort
weilenden Urlauber ihrer ansichtig und trugen die Kunde von
diesem Riesenfräulein in die weite Welt. Die Touristen zeigten
viel Sympathie für die Riesen und bewiesen auch Großzügigkeit,
indem sie ihr durch Spenden zu einer Bettstatt nach Maß
verhalfen. Außer dem Bettgestell, das übrigens noch erhalten
ist, war kaum etwas riesengerecht. Vor allem die Räume waren zu
niedrig und die Mahlzeiten zu knapp. Trotzdem fühlte sich die
Moidl daheim, deshalb schlugen auch mehrere Versuche von
Schaubudenbesitzern, die Riesen zu engagieren, fehl.
Es zogen viele Sommer ins Land, bis das Jahr 1906 doch noch die
entscheidende Wende im Leben der Riesenmoidl brachte. Sie stand
nun im Alter von 27 Jahren und war innerlich soweit gefestigt,
daß sie den Aufbruch in die große Welt wagen konnte. Die
drückende materielle Not war letzten Endes ausschlaggebend, daß
das Angebot des Herrn Otto Heinemann vom
"Passage-Panoptikum" in Berlin angenommen wurde.
Mit der Moidl begab sich auch eine ihrer Schwestern auf die
Reise. So hatte sie ständig einen vertrauten Menschen an ihrer
Seite, aber auch eine willkommene, dem Zweck dienliche
Kontrastperson; deren Honorar fiel natürlich bescheidener aus.
Bei den Schaustellungen hatte sie die einzige Aufgabe ihre ganze
außerordentliche Große dem publikum zu zeigen. Um den Eindruck
noch überwältigender zu machen, trat die Moidl mit einem
wuchtigen Schuhwerk, mit einem langen Überkleid und einem hohen
Hut auf. Vernahmen die Leute dann auch noch ihre regelrechte
Baßstimme, so war die Faszination perfekt. Präsentiert wurde
sie als "Die Riesen aus Tirol - das größte Weib, da je
gelebt".
In den folgenden Jahren gings kreuz und quer halb Europa.
Auf Berlin folgte Wien, anschließend setzte man nach England
über, wo der Aufenthalt wegen der Großen Erfolge fast ein Jahr
währte. Begeisterten Zulauf konnte die Riesen auch in Brüssel
verzeichnen, und in Budapest mußte im Jahre 1913 aus
Gesundheitsgründen der Schlußpunkt hinter dieser aufreibende
Wanderleben gesetzt werden. Wohl hatte sich die Moidl
zwischendurch in ihrer Heimat zur Erholung aufgehalten, doch ein
Fußleiden ließ sie nicht mehr los. Da sie auch an Wassersucht
litt, waren ihre letzten Lebensjahre von Krankheit
gekennzeichnet, von der sie schließlich im Kriegsjahr 1917
erlöst wurde. Ihr Grab ist heute noch auf dem Friedhof in
Ridnaun zu finden.
Die Riesenmoidl hing sehr an ihren Eltern und Geschwister. Die
Sehnsucht nach ihrem geliebten Ridnaun spricht sehr deutlich aus
folgenden Zeilen, die sie im Jahre 1913 von Hamburg aus schrieb:
"Meine Lieben zu Haus, Ihr wißt gar nicht, wie gut und fein
Ihr es Habt, im stillen, einsamen Ort zu leben; wenn auch
manchmal das Essen fehlt, aber trotzdem können wir dem lieben
Gott danken, daß wir weit fort von der großen Stadt. Das
Getümmel und das Gewimmel, Tag und Nacht ist keine Ruh!"
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